Mut lohnt sich: Wie Chemnitz Gleichstellung neu denkt und was Führungskräfte jetzt brauchen

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Ein Interview mit Franziska Herold, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Chemnitz

„Gleichstellung betrifft uns alle. Und sie gelingt, wenn wir hinschauen, vernetzen und mutig entscheiden.“

 

In diesem Gespräch berichtet Franziska Herold aus ihrer Praxis als Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Chemnitz. Sie spricht über sichtbare Vorbilder, wirksames Mentoring und einfache Wege, wie Nachwuchsführungskräfte ihre eigene Sichtbarkeit erhöhen können.

Worüber wir gesprochen haben

 

Frage: Franziska, was sollten unsere Leser:innen als Erstes über dich wissen?
Franziska Herold: „Ich komme aus der Wirtschaft und war mehrere Jahre Diversity Managerin in einem großen IT-Konzern. In einem männlich geprägten Umfeld habe ich konkret erlebt, welche Muster Frauen beim Schritt in Führung ausbremsen – Redeanteile in Meetings, Auswahlprozesse, gläserne Decken. Seit Mai 2025 bin ich Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Chemnitz und arbeite nun an genau diesen Hebeln. Für die Stadtgesellschaft.“

 

Frage: Wenn du deine Arbeit in einem Satz zusammenfasst – worum geht es?
Franziska Herold: „Um Sichtbarkeit und Wirkung. Wir machen Ungleiches sichtbar, vernetzen die richtigen Akteur:innen und stoßen Entscheidungen an, die Frauen in Politik und Wirtschaft voranbringen. Vom Schulsystem bis ins Unternehmen.“

 

Frage: Was heißt das ganz konkret für Chemnitz?
Franziska Herold: „Ich habe mir für Arbeit drei Schwerpunkte gesetzt:

  1. Beteiligung von Frauen in Politik und Wirtschaft 

  2. Chancengleichheit von Frauen und Männern, bzw. Jungen und Mädchen 

  3. Gewaltprävention im öffentlichen Raum und in den eigenen vier Wänden.

„Gleichstellungsarbeit macht Unsichtbares sichtbar – und stößt Veränderungen an.

 

Frage: Du sprichst oft von Vorbildern. Warum sind sie so wichtig?
Franziska Herold: „Weil sie wirken, bevor Zahlen es zeigen. Wenn Schülerinnen Klassensprecherinnen erleben oder junge Kolleginnen eine Sitzung moderieren, verschiebt sich der Möglichkeitsraum. Mit Auszeichnungen und Mentoring geben wir früh Rückenwind und zeigen: „Du hast alle Möglichkeiten und musst nicht an dir zweifeln.“

 

Frage: Wie blickst du persönlich auf Mentoring?
Franziska Herold: „Mentoring öffnet Türen in beide Richtungen. Mentees gewinnen Einblicke, Selbstvertrauen und Sprache für ihre Leistung. Mentor:innen bekommen frische Perspektiven und reflektieren ihr Führungsverhalten. Besonders stark sind unternehmensübergreifende Formate. Rollenbilder sind weniger festgefahren, die Lernkurve ist steiler.“

 

Frage: Wo liegen typische Stolpersteine auf dem Weg in Führungspositionen?
Franziska Herold: „Erstens: starke Leistung, leise Kommunikation. Viele Frauen liefern super ab, reden aber seltener darüber. Hier helfen sichere Räume und klare Anerkennung. Zweitens: Talent-Bias. Führungskräfte „sehen“ männliche Talente oft schneller, weil sie oft sichtbarer sind. Oder sie wählen sie aus, weil sie ihnen selbst am ähnlichsten sind. Temporär harte Maßnahmen – etwa Frauenstaffeln in Programmen – können das Korrektiv sein. Drittens: Vereinbarkeit. Teilzeit wird schnell als „nicht ernsthaft“ gelesen. Planungssicherheit und echte, gelebte Modelle sind hier notwendig. Gleichzeitig sollte nicht alles auf Teilzeitlösungen hinauslaufen. Das würde Rollenzuschreibungen eher verfestigen. Auch das private Umfeld, Partner:innen eingeschlossen, spielt eine entscheidende Rolle, Frauen auf ihrem Weg in Führung zu unterstützen.“

 

Frage: Was rätst du jungen Führungskräften, die sichtbarer werden möchten?
Franziska Herold: „Schon drei kleine Gewohnheiten können einen großen Effekt haben:

  1. Erfolge dokumentieren und regelmäßig im Team teilen.

  2. In jedem Meeting mindestens ein inhaltlicher Beitrag – klare These, präzise Frage oder Praxis-Transfer.

  3. Netzwerk pflegen: regelmäßig Kontakte knüpfen und pflegen, intern und extern.“

„Mut ist Übungssache – Sichtbarkeit beginnt mit einem Satz im nächsten Meeting.“

 

Frage: Und was ist „gute Führung“ aus deiner Sicht?
Franziska Herold: „Hinsehen, entwickeln, klar kommunizieren. Menschen ganz wahrnehmen – inklusive Emotionen – und regelmäßig über Entwicklung sprechen. Auch Zeit ist ein Führungsinstrument: Wer Grenzen und Gesundheit vorlebt, ermöglicht Leistung auf Dauer.“

 

Frage: Welche Themen wünschst du dir für Nachwuchsführungskräfte?
Franziska Herold: „Soft Skills sind unerlässlich: Unconscious Bias, gutes Führen von Menschen, psychologische Sicherheit. Und: Selbstfürsorge. Führung ist ein Marathon, kein Sprint.“

 

Frage: Was können Unternehmen sofort tun, wenn sie loslegen wollen?
Franziska Herold: „Sichtbarkeit und Struktur schaffen: Ziele und Rollen transparent machen, Entwicklungswege benennen, Mentoring starten (klein, aber verbindlich) und gute Beispiele intern teilen. Rahmenbedingungen der Arbeit prüfen, wie z. B.: Sitzungszeiten und Entscheidungswege. Oft sind es kleine Stellschrauben, die eine Teilnahme für alle ermöglichen.“

 

Frage: Wohin geht der Weg in Chemnitz als Nächstes in Bezug auf Chancengleichheit und Beteiligung?
Franziska Herold: „Wir bauen Mentoring und Kooperationen weiter aus, holen Schulen, Vereine und Unternehmen an einen Tisch und machen Erfolge sichtbarer. Damit aus einzelnen Maßnahmen eine Haltung wird.“

3×3 Handlungsimpulse für Praxis und Führung

Drei zähe Stolpersteine – und was hilft

 

  1. Selbstwert und leise Leistung: Frauen machen starke Arbeit, kommunizieren sie aber seltener offensiv. Lösung: Anerkennung + sichtbare Erfolgsstories + sichere Räume in Entwicklungsgesprächen. 

  2. Bias im Talentblick: Führungskräfte „sehen“ männliche Talente schneller. Lösung: Mut zu starken Maßnahmen (z. B. Frauenstaffel in Talentprogrammen). Der Effekt: Warteliste statt Mangel. 

  3. Teilzeit-Skepsis und Vereinbarkeit: „Meinen die das wirklich erst mit Führung in Teilzeit?“ Lösung: echte, planbare Modelle + glaubwürdige Kommunikation + Mentoring-Einblicke in realistische Führungsalltage und ein privates Umfeld, das Frauen auf ihrem Weg in Führung aktiv unterstützt.“

Was gute Führung heute ausmacht

 

  1. Hinsehen und entwickeln: Menschen ganz wahrnehmen (auch Emotionen als Stärke) und mindestens jährlich Entwicklungsgespräche führen, die Perspektiven aussprechen lassen. 

  2. Vorbild sein und gesund führen: auf eigene Grenzen achten; Kultur färbt ab. 

  3. Teams nicht überfrachten: Führung ist kein Sprint. Auch Zeit ist ein Führungsinstrument. „Emotionalität ist kein Risiko – sie ist eine Stärke in der Arbeit mit Menschen.“

Sichtbar werden – drei schnelle Taten (diese Woche machbar)

 

  1. Erfolge sichtbar machen: kurz dokumentieren, im Team teilen, ins Jour fixe nehmen. 

  2. In Meetings sprechen: wenigstens ein inhaltlicher Beitrag pro Runde (These, Frage, Transfer).

  3. Netzwerk pflegen: regelmäßig neue und alte Kontakte ansprechen (intern/extern).

Hier erhalten Sie Unterstützung: Programme, Netzwerke & Kontaktwege

 

Zur Person

Franziska Herold: Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Chemnitz.
Schwerpunkte: Beteiligung, Chancengleichheit, Gewaltprävention 
Kontaktdaten und Sprechzeiten finden Sie hier